Flussseeschwalbe

Sterna hirundo

Status

Regelmäßiger Brutvogel im Rheindelta, Wollmatinger Ried und auf dem Lengwiler Weiher/Thurgau sowie bei Romanshorn.

Ergänzende Bemerkungen zum jahreszeitlichen Auftreten

Im Frühjahr 1984 konnte S. Schuster im Sanddelta bereits am 7. April eine Flussseeschwalbe beobachten. Die große Masse eintreffender und durchziehender Flussseeschwalben wird in der ersten Maihälfte beobachtet. Die letzte Beobachtung vom Herbstzug stammt vom 20. Oktober 1991 aus dem Sanddelta, wo M. Hemprich und A. Ebert ein dj. Individuum sahen. Der Herbstzug ist in der Regel bis Mitte September abgeschlossen.

Auf dem Zug ins Winterquartier wurde am 21.8.1983 ein beringter dj. Vogel bei Biarritz, Frankreich kontrolliert. Daraus kann man schließen, daß binnenländische Populationen der Flussseeschwalbe zuerst die Atlantikküste erreichen, um dann mit den Küstenpopulationen weiterzuziehen.

Abb. 2.201: Flussseeschwalbe - Jahreszeitliches Auftreten nach Zufallsbeobachtungen von 1981-95 (Pentadensummen).

Bestand und Verbreitung

Seit 1987 ist die Flussseeschwalbe ein regelmäßiger Brutvogel bei Romanshorn und seit 1990 auf dem Mindelsee (Tab. 2.26). Vereinzelte Bruten gab es im Kreuzlinger Hafen (1987) und auf der Mettnau (1983-84, 1989; W. Fiedler, H.P. Fischer). Mit einer mittleren Zunahme des Brutbestands gegenüber 1980 von 8.7 % (nicht signifikant) zeigt sich die positive Entwicklung dieser Art. Im Jahre 1990 betrug der maximale Gesamtbestand am Bodensee 213 Brutpaare, im Durchschnitt brüteten 155 Brutpaare am Bodensee. Im Gegensatz zu früher, als überwiegend natürliche Brutplätze wie Kiesbänke aufgesucht wurden, brüten Flussseeschwalben heute nur noch auf künstlich aufgeschütteten Kiesinseln (Rheindelta) und auf Flößen (Wollmatinger Ried, Lengwiler Weiher, Romanshorn, Alter Rhein, Mindelsee).

Tab. 2.26: Wichtigste Brutbestände der Flussseeschwalbe am Bodensee und deren Bruterfolg soweit sie bekannt sind.

Rheindelta Wollmatinger Ried Mett/Ra Ms Lw Roh
Jahr BP flügge BP flügge BP flügge BP BP BP
196313013143
19641101310133
196516018178
1966150401191
1967?57
196817542217
196916040200
197010020120
197170501121
197210040140
1973702090
19748015-200196
19751001101
1976130290159
19771302750157
1978130150145
197911522251138
1980120352157
1981503510186
198280144525-351126
198311510404021158
198455?4320132101
19857810747165130
19869916540609148
198711165-7530ca.40111152
19889210040gering101143
1989110848?7017182
19901351214040434213
1991116?65?2241208
199286?40?4248162
199382227?03224165
19947433352872124161
199510078-873530101922186
199614702121183
19971261010214427199
1998177225053421237
**Mittel**1103551917155

Mett/Ra = Mettnau und Radolfzeller Aachmündung, Ms = Mindelsee, Lw = Lengwiler Weiher, Roh = Romanshorn. Zahlen von 1976-1987 aus Bruderer & Schmid (1988)

Abb. 2.202: Flussseeschwalbe - Vorkommen nach Brutzeitkartierungen von 1980-81 und 1990-92.

Abb. 2.203: Flussseeschwalbe - Abweichungen der Flussseeschwalben-Brutbestände im Vorarlberger Rheindelta und Wollmatinger Ried vom langjährigen Mittel.

Austausch zwischen den Kolonien

Abb. 2.203 zeigt die Abweichungen der beiden größten Brutkolonien aus dem Rheindelta und dem Wollmatinger Ried vom langjährigen Mittelwert. Daraus ist zu ersehen, daß z.B. 1991 im Wollmatinger Ried ein recht hoher Bestand von 65 Gelegen erfasst wurde und im Rheindelta ein geringerer Bestand (116 BP) als im Vorjahr (135 BP) vorhanden war. Durch die damalige Niedrigwassersituation liegt es nahe anzunehmen, dass die Flussseeschwalben aus dem Rheindelta, welche ihre Bruten auf den Kiesinseln infolge hohen Freizeitdrucks aufgegeben hatten, sich im Wollmatinger Ried zu Nachbruten ansiedelten. Bemerkenswert ist ferner die negative Abweichung vom langjährigen Mittel in den Jahren 1993 bis 1995 in beiden Kolonien. Die extreme Abweichung der Kolonie aus dem Rheindelta im Jahre 1981 vom langjährigen Mittelwert resultierte aus den neu angelegten Kiesinseln im Fußacher Hafen, die nach anfänglichen Brutversuchen wieder verlassen wurden (A. Schönenberger).

Ergänzende Bemerkungen zu Brutbiologie und Gefährdung

Da die Flussseeschwalben am Bodensee in den letzten zwei Jahrzehnten ausschließlich auf Flößen oder Kiesinseln brüteten, waren Hochwasserereignisse meist nicht mehr unmittelbar bestandsgefährdend. Dagegen spielten Beutegreifer eine wesentliche Rolle für den Bruterfolg der Flussseeschwalbe. Innerhalb von 12 Stunden Beobachtungszeit wurden von einem Junghabicht vom 29.-31.7.1991 13 Jungvögel aus der Kolonie im Wollmatinger Ried gegriffen (B. Porer), am 14.8.1991 wurden 4 Dreier-, 6 Zweier- und 8 Einer-Gelege verlassen vorgefunden. Im selben Jahr wurde von B. Porer und H. Stark öfters ein Junghabicht in der Nähe der Kolonie beobachtet, und in einem Fall konnte der Habicht beim Kröpfen einer jungen Seeschwalbe beobachtet werden. Ein Waldkauz am Alten Rhein sowie das Vorkommen von Ratten im Sanddelta haben vermutlich die Aufgabe von Gelegen verursacht (A. Gabathuler). Neben dieser Prädation ist die Witterung zum Zeitpunkt des Schlüpfens der Jungvögel von entscheidender Bedeutung, da frischgeschlüpfte Flussseeschwalben erst nach zwei bis drei Tagen ihre Thermoregulation selbst steuern können. 1985 wurden im Wollmatinger Ried nach einer Schlechtwetterperiode 17 zwei bis drei Tage alte Küken tot aufgefunden (Stark 1992). Schlechtwetterperioden mit häufigen Sturmereignissen vermindern den Fangerfolg der Flussseeschwalbe infolge schlechter Jagdsichtverhältnisse und beeinträchtigen damit die Nahrungsversorgung der Jungvögel (Becker & Finck 1985).

Der enorme Freizeitdruck durch Badebetrieb und Bootsverkehr führte vor allem bei Niedrigwasser an den Brutplätzen im Rheindelta (z.B. Bregenzer Achmündung und Sanddelta) oft zur frühzeitigen Aufgabe der Gelege.

Für die Flussßseeschwalben, die am Ende der Nahrungskette stehen, ist die Belastung der Umwelt mit Giften eine besondere Beeinträchtigung. So konnte gezeigt werden, daß 1985 die Rückstände von Chlorkohlenwasserstoffen (Heptachlor und Aldrin) in der Brutkolonie im Wollmatinger Ried im Vergleich zu 1976 abgenommen haben oder etwa gleich hoch waren (Stark 1992). Die Rückstände von p,p-DDE und Dieldrin, deren Anwendung in Deutschland seit den 1970er Jahren verboten ist, waren 1985 immer noch nachweisbar. Die Flussseeschwalben transportieren diese Stoffe aus den afrikanischen Überwinterungsgebieten, wo meist keine Anwendungsbeschränkungen bestehen, wieder in ihr Ursprungsland zurück. Neue Untersuchungen von 1995 zeigten einen deutlichen Rückgang einzelner Stoffe. Heptachlor, Aldrin und Dieldrin konnten nicht mehr nachgewiesen werden, während Metaboliten von DDT (p,p-DDE) und Lindan nach wie vor nachweisbar sind (Stark 1992).

Sehr bedenklich waren 1985 und 1995 die hohen Rückstände von polychlorierten Biphenylen (PCBs). Inwieweit sich diese Rückstände z. B. auf die Eischalendicke auswirken, lässt sich nur anhand beschädigter Eier erahnen, die in der Kolonie im Wollmatinger Ried ohne äußere Anzeichen von Gewalt Risse in der Außenhaut aufwiesen (Stark 1992). Wahrscheinlich ist es der hohen Lebenserwartung der Flussseeschwalbe zuzuschreiben (maximal 21 Jahre von Ringfunden bekannt), dass der Brutbestand der Flussseeschwalbe am Bodensee trotz des schlechten Bruterfolges (z.B. 1985 0.5 flügge Jungvögel pro Brutpaar im Wollmatinger Ried) bisher stabil erscheint.

Vorschläge zum Artenschutz

Flussseeschwalben benötigen möglichst vegetationsfreie Inseln oder Flöße. Die Flöße oder Inseln sollten während der Balzphase noch nicht von Vegetation umgeben oder überwuchert sein.

Ein alternierendes Verlegen der Flöße von Jahr zu Jahr würde der Dynamik der natürlichen Kiesbänke entsprechen und den Prädationsdruck vermindern helfen. Zum Schutz der Jungvögel vor Prädatoren sind Versteckmöglichkeiten wie Dachziegel zum Unterschlüpfen nützlich. Die Nisthilfen sollten in möglichst störungsfreien Zonen liegen. Besonders im Rheindelta und an der Bregenzer Achmündung ist eine Einschränkung aller Freizeitaktivitäten in Koloniebereichen während der Brutzeit erforderlich.

Herbert Stark