Podiceps cristatus
Brutvogel mit etwa 1400 Paaren und einer Rasterfrequenz von 28 %; Erholung des Brutbestandes nach dem Einbruch von 1980; durchschnittlicher Winterbestand ab 1980 nur noch zwischen 2000 und 4000 Ind. (=50 % des früheren Wertes); lediglich Erholung der Mauserbestände im September.
Zu den Daten von Schuster et al. (1983) kamen lediglich einige auffällige Brutdaten hinzu:
Die früheste Brut stammt vom Schussen-Altwasser bei Eriskirch, wo M. Hemprich und G. Stadler am 10.5.1986 1 Fam. mit 2 juv. (ca. 2 Tage alt) beobachteten.
Mehrfach wurden bettelnde Jungvögel mit Dunenkleidresten auch noch im Oktober und November festgestellt. Die späteste Beobachtung eines unselbständigen Jungvogels stammt von der Mettnau (22.12.1986, S. Schuster, A. Schmidt).
Abb. 2.9: Haubentaucher - Jahreszeitliches Auftreten nach Daten der WVZ von 1962/63-1995/96 (Monatsmittelwerte).
Nach dem Rückgang der Brutpopulation 1980-81 infolge des bis heute ungeklärten Zusammenbruchs der Weißfischbestände (v.a. Rotaugen) erholte sich die Art wieder ab 1983, so daß die Rasterkartierung 1990-92 keine signifikanten Unterschiede im Gesamtbestand gegenüber der Erhebung von 1980/81 ergab. Räumlich kam es hingegen zu Veränderungen: So zeigen sich deutliche Revierabnahmen am Obersee, während am Südufer des Überlinger Sees und im Rheindelta eine Zunahme zu verzeichnen war.
Nach wie vor bilden die Brutkolonien am Untersee und im Rheindelta die Schwerpunkte der Verbreitung, zu denen weitere Kolonien (mit jeweils ca. 50 Paaren) bei Arbon, Lindau-Schachen, Eriskirch, Immenstaad und an der Stockacher Aachmündung hinzukommen.
Der Haubentaucher reagiert mit dem Zeitpunkt des Brutbeginns und dem weiteren Brutverlauf ausgesprochen sensibel auf Wasserstandsänderungen des Bodensees (vgl. Schuster et al. 1983). Da die großen Brutgebiete erst ab Pegelständen von 350-380 cm überschwemmt sind, halten sich die Vögel noch bis in den Mai in großer Zahl vor den Brutgebieten auf (z.B. 1925 Ind. vor den Schilfflächen des Rheindelta am 12.5.1990, D. Bruderer).
Aufgrund des lange anhaltenden Niedrigwassers brüteten 1990 51 Paare im Flachwasser des Wollmatinger Riedes, die später ausnahmslos durch Wellenschlag die Brut verloren (H. Jacoby). Auch der Versuch im darauffolgenden Jahr, als 64 Nester in Bachbungen-Beständen gebaut wurden, schlug durch plötzlich einsetzendes Hochwasser fehl (B. Porer). In beiden Jahren konnten die anfänglichen Verluste jedoch durch erfolgreiche Spätbruten wieder wettgemacht werden.
Abb. 2.10: Haubentaucher - Vorkommen nach Brutzeitkartierungen von 1980-81 und 1990-92.
Im Gegensatz zu den Brutbeständen konnte sich die Winterpopulation nicht erholen. Auch sie nahm, wohl ausgelöst durch den Nahrungsmangel in den Jahren 1980-81, von durchschnittlich 6000 - 8000 Ind. um etwa die Hälfte ab (bis 1994 auf konstant niedrigem Niveau). Dennoch bleibt der Bodensee das wichtigste Überwinterungsgebiet Deutschlands (Harengerd et al. 1990).
Lediglich die Septemberzahlen haben sich nach ebenfalls deutlichem Einbruch zu Beginn der 1980er Jahre wieder auf die alten Werte erholt. Ab Oktober macht sich der Rückgang dann deutlich bemerkbar. Folgende Tabelle führt die monatlichen Mittelwerte (Wasservogelzählung) für die beiden Dekaden 1974-83 und 1984-93 auf.
Tab. 2.1 Haubentaucher - monatliche Mittelwerte (WVZ) für die Dekaden 1974-83 und 1984-93.
| Sep. | Okt. | Nov. | Dez. | Jan. | Feb. | März | |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 1974-83 | 5155 | 5898 | 3865 | 5367 | 5468 | 5585 | 5748 |
| 1984-93 | 5453 | 4997 | 2661 | 3012 | 2839 | 2569 | 2470 |
| aktuell:früher | 106% | 85% | 69% | 56% | 52% | 46% | 43% |
Räumlich konzentriert sich der Rückgang der Winterbestände vor allem auf den Untersee sowie die Bregenzer Bucht, wo auch die größten traditionellen Ansammlungen zu finden waren. Die kleineren Bestände auf dem Überlinger See, dem Schweizer Obersee bzw. im Rheindelta erholten sich auf die alten Werte, während die Zahlen des deutschen Obersees leicht zurückgingen.
Abb. 2.11: Haubentaucher - Entwicklung der Bestände nach Daten der WVZ von 1962/63-1995/96, Mittelwerte aus 8 Zählungen zwischen September und April.
Der Bruterfolg des Haubentauchers hängt von mehreren kritischen Größen ab. Von wesentlichem Einfluß ist der Bestand an Beutefischen. Bis Ende der 1970er Jahre waren dies vor allem Rotaugen, deren Population 1980-81 überregional (auch an Schweizer Seen bzw. an Hoch- und Oberrhein) aus ungeklärten Ursachen zusammengebrochen war. Der akute Nahrungsmangel machte sich beim Haubentaucher direkt durch einen Einbruch der Brut- und Winterbestände bemerkbar. Obwohl die Rotaugenbestände auf niedrigem Niveau blieben (die Beifangmengen gingen auf 10 % der alten Werte zurück; Fischereiforschungsstelle Langenargen, mündl. Mitt.), erholten sich die Brutbestände des Haubentauchers. Offensichtlich gelang es ihm, auf andere Nahrungsfische auszuweichen, zumal seit einigen Jahren Bestandszunahmen bei Barsch, Ukelei und Hasel beobachtet werden.
Außer nahrungsökologischen Aspekten gilt es jedoch auch klimatische Faktoren bei der Analyse zu berücksichtigen. So gab es 1987 trotz eines extrem hohen Wasserstandes ein schwaches Brutergebnis, das wohl hauptsächlich auf zu niedrige Temperaturen im Mai und Juni zurückzuführen ist. Im Gegensatz dazu erlaubte 1995 das Hochwasser (10-20 % über dem langjährigen Mittel) bei normalen Temperaturen ein hervorragendes Brutergebnis.
Für den am Obersee beobachteten Revierschwund sind (zumindest lokal) Störungen durch Wassersport, Bootsverkehr (Wellenschlag, Trennung von Jung- und Altvögeln) und Verbauungen verantwortlich zu machen, zumal sich der Rückgang im wesentlichen auf kleinflächige - und daher Störeinwirkungen sehr viel stärker ausgesetzte - Röhrichtbestände beschränkte, während sich die Daten für die größeren und besser geschützten Gebiete kaum verändert haben.
Daß eine Unterschutzstellung der Flachwasserzonen wertvolle Hilfe leisten kann, legt auch das Beispiel der Mainau-Buchten nahe (hier zählte H. Landsee vor der Unterschutzstellung an manchen Tagen 228 Boote, auf die lediglich 10 sichtbare Haubentaucher kamen). Nach ihrer Unterschutzstellung erhöhte sich der Bruterfolg von 16 Fam. im Jahr 1989 auf über 40 Fam. im Jahr 1992 (H. Fries). Da allerdings die klimatischen Voraussetzungen 1992 günstiger waren, sollten längerfristige Analysen für eine endgültige Aussage abgewartet werden.
Neben nahrungs- und störungsökologischen Ursachen sowie klimatischen Faktoren wurde in der Vergangenheit auch das bodenseeweit beobachtete Schilfsterben diskutiert. Da dieses jedoch seit Mitte der 1980er Jahre zum Stillstand gekommen ist und sich die Schilfbestände spätestens seit 1989 seeseitig wieder ausgedehnt haben (Krumscheid-Plankert 1993; Pier et al. 1993), ist damit der beobachtete Revierschwund am Obersee nicht zu erklären. Lokal ist es mit Sicherheit ein komplexes Wechselspiel aus den oben genannten Faktoren, welches über den Bruterfolg dieses Schilfbrüters entscheidet.
Ähnlich wie die Brutpopulation erholte sich auch der Schwingenmauserbestand im August und September nach den Einbrüchen von 1980-81. Da der Haubentaucherbestand für Mitteleuropa als stagnierend bzw. leicht rückläufig bezeichnet wird (Bauer & Berthold 1996), erklären sich die Veränderungen bei den Mauserzahlen mit der Entwicklung der Brutergebnisse, zumal die Mausergäste wohl überwiegend vom Bodensee bzw. zumindest aus Mitteleuropa stammen.
Ganz anders verhalten sich hingegen die Winterbestände. Hier blieben die Zahlen nach dem Einbruch (teilweise Rückgang der Werte auf ein Viertel!) auf etwa 50-60 % der alten Werte. Über die genauen Ursachen kann jedoch nur spekuliert werden. Immerhin gibt es Hinweise darauf, daß der Rückgang der Winterbestände nicht nur am Bodensee zu beobachten war. Auch am Unteren Inn lagen die Werte Ende 1980er/Anfang 1990er Jahre nur bei etwa 2/3 der Zahlen aus den 1970er Jahren (Reichholf 1994).
Auch wenn sich die Brutbestände nicht signifikant verändert haben, so ist doch lokal ein Rückgang festzustellen. Die Hauptursachen dafür sind Verbauungen (s. auch Weggler 1991) sowie Störungen durch Freizeitbetrieb, Bootsverkehr, Wassersport und Angler (Nicolai 1993, Kilzer & Blum 1991).
Diesen Faktoren läßt sich durch eine verstärkte Unterschutzstellung der Flachwasserzonen und Schilfgebiete wirksam entgegensteuern, wie das Beispiel der Mainau-Buchten zeigt. Ferner bedarf der Haubentaucher eines ganzjährigen Schutzes (in Vorarlberg dürfen Haubentaucher vom 1.9. bis 31.12. und vom 16.3. bis 31.3. gejagt werden, vgl. Kilzer & Blum 1991).
Daß die Flachwasserzonen auch im Winterhalbjahr dringend geschützt bleiben müssen, zeigen Untersuchungen über die Störung von Wasservögeln durch Boote (Schneider 1986a; Bauer et al. 1992).
Christian Gönner