Netta rufina
Jahresvogel; alljährlicher Brutvogel mit einem Bestand von etwa 400 BP; im Sommer ungefähr 2000 Ind. und im Herbst bis zu 6000 Mausergäste; Bestände im Winter bis 1993 abnehmend mit den tiefsten Werten im Februar und März; seit 1994 auffallend hohe Zahlen im Januar und Februar (2500-10000 Ind.).
Die jahreszeitliche Bestandsentwicklung und die Wahl der Nahrungsplätze wird im Vergleich zu anderen Arten bei der Kolbenente weitgehend durch die Entwicklung der submersen Wasserpflanzen beeinflußt.
Für das Frühjahr (bis in den Mai hinein) ist eine starke örtliche Streuung der Art typisch. Größere Trupps halten sich an vielen Stellen am Seeufer, auf dem Hochrhein und auf Weihern der Umgebung auf (Tab. 2.10)
Tab. 2.10: Kolbenente - Beispiele für Frühjahrsansammlungen
| Ort | Datum | Anzahl | Beobachter |
|---|---|---|---|
| Wollmatinger Ried | 26.4.1985 | 420 Ind. | H. Jacoby |
| Wollmatinger Ried | 22.5.1984 | 700 Ind. | H. Jacoby |
| Rheindelta | 8.5.1993 | 230 Ind. | P. Knaus |
| Rheindelta | 29.5.1992 | 204 Ind. | V. Blum |
| Altnau | 7.5.1993 | 184 Ind. | H. Leuzinger |
| Güttingen | 14.5.1987 | 64 % 19 & | F. Schaefer |
| Lipbachmündung | 1.5.1989 | 36 % 23 & | B. Schürenberg |
| Bibermühle | 3.4.1994 | 140 Ind. | W. Schümperlin |
| Killenweiher | 29.3.1981 | 133 % 75 & | K. Roth |
| Hagstaffelweiher | 13.4.1986 | 120 Ind. | T. Jaich |
| Monat | % : & | Verhältnis | Zählungen |
|---|---|---|---|
| März | 521 : 354 | 1.5 : 1 | 16 |
| April | 1887 : 1036 | 1.8 : 1 | 40 |
| Mai | 890 : 380 | 2.3 : 1 | 17 |
Im Mai beginnen sich diese Vögel zunehmend in den Flachwasserzonen vor den großen Riedgebieten, insbesondere im Ermatinger Becken mit Hegnebucht, im Rheindelta und bei der Mettnau mit Mündung der Radolfzeller Aach und der Hornspitze zu konzentrieren. Vor allem in Niedrigwasserjahren bleiben diese Trupps länger zusammen.
Der Brutverlauf ist weitgehend vom Wasserstand abhängig, da die Art ausreichend hohes Wasser benötigt. So ist z.B. im guten Brutjahr 1992 schon Anfang Mai Wasser in die Schilfflächen eingeflossen und der langsame Anstieg hatte schon am 6. Juni geendet. Aus dieser Abhängigkeit ergibt sich eine große Präferenz für Teiche in Rieden unmittelbar am Seeufer, wie auf der Mettnau (ab 1964) und im Wollmatinger Ried (ab 1976, Jacoby 1979), da diese einen gleichbleibenden, vom Seepegel unabhängigen Wasserstand aufweisen (Schuster et al 1983).
In gewissen Jahren mit niedrigem Wasserstand werden Bruten auf Kleingewässern früher begonnen als am See (z.B. 26.5.1989 Dingelsdorfer Ried, 1 & mit 4 Jungen, A. Hafen).
Die frühesten Bruten am See wurden im April beobachtet: Legebeginn am 30.4.1959
und frisch geschlüpfte Junge Anfang Juni (Jacoby et al. 1970). Die Hauptbrutzeit
ist im Mai und Juni. Der durchschnittliche Schlüpftermin auf der Mettnau (1970-80)
war der 28. Juni (Schuster et al. 1983). Aus Nachgelegen schlüpfen regelmäßig
(1985, 1986 und 1994) Ende August noch Junge ( z.B. am 26.8.1984 im Rheindelta
nur 2 Tage alte Junge, die noch bis am 4.10. im Familienverband waren, P.
Willi).
Die meisten Vögel, die sich von Juni bis August in Flachwasserzonen mit angrenzenden Schilfgebieten aufhalten, mausern hier (Vollmauser). Die Zahl der Mausergäste nimmt im Juni/Juli zu und erreicht Werte von über 2000 Ind., z.B. sind am 15.8.1990 allein im Ermatinger Becken 850 Ind. und in der Hegnebucht 900 Ind. (P. Schaefer, M. Schneider-Jacoby) gezählt worden. Außerdem befanden sich im selben Jahr am 6.8. im Rheindelta 154 Ind. (P. Willi), bei der Mettnau 150 Ind. ebenfalls am 6.8. (S. Schuster) und in den Mainaubuchten 115 Ind. am 8.8.1990 (M. Schneider-Jacoby).
Abb. 2.62: Kolbenente - Jahreszeitliches Auftreten nach Daten der WVZ 1981/82 bis 1992/93 (Monatsmittelwerte).
Abb. 2.63: Kolbenente - Jahreszeitliches Auftreten nach Daten der WVZ 1993/94 bis 1997/98 (Monatsmittelwerte).
Im Herbst sammeln sich die Kolbenenten zur Kleingefiedermauser am Bodensee (Schuster et al. 1983). Nach einem außerordentlich hohen Bestand von 9000 Ind. im September nahm der Bestand stark ab, stieg aber nach 1981 wieder kräftig an. Die Mittelwerte (1981/82 - 1992/93) betragen für September 2338 Ind., für Oktober 3526 Ind. und für November 3200 Ind. Im Oktober 1995 wurde ein neuer Höchstwert von 6438 Ind. erreicht.
Im Gegensatz zu den 1960er Jahren (Jacoby et al. 1970) verteilen sich die großen Trupps auf mehrere Gebiete. Besonders hervorzuheben sind neben dem traditionellen Rastplatz Ermatinger Becken mit Hegnebucht der gesamte Gnadensee (Schneider-Jacoby et al. 1993), die Hornspitze, das Schweizer Oberseeufer und das Rheindelta mit der Fußacher Bucht. Bemerkenswert ist die Entwicklung in der Unteren Güll (Mainau), in der nach der Sperrung der schilfnahen Buchtteile sich bereits im Oktober 1991 426 Ind. versammelten.
Abb. 2.65: Kolbenente - Entwicklung der Bestände nach Daten der WVZ von 1962/63-1995/96 (Mittelwerte aus 8 Zählungen zwischen September und April).
Abb. 2.64: Kolbenente - Entwicklung der Bestände Mitte Januar 1982 bis 1996 nach Daten der WVZ für Bodensee, Neuenburgersee und übrige Schweiz (inkl. ganzer Genfersee)
Von 1981/82 bis 1992/93 erreichte die durchschnittliche Zahl im Dezember noch knapp die Hälfte derjenigen vom November, um dann im Januar stark abzufallen. Der tiefste Bestand wurde im Februar (1-150 Ind.) erreicht (Abb. 2.62).
Ab 1993/94 setzte im Winter eine ganz auffallende Entwicklung mit hohen Werten im Januar und Februar ein. Es wurden Bestände von 2500 - 10800 Ind. im Januar und 300 - 8000 Ind. im Februar erreicht (Abb. 2.63 und 2.64).
Vor 1994 stiegen im März und April die Durchschnittswerte wieder an, nach 1994 dagegen fallen sie gegenüber dem Januar in jedem Frühjahr und gegenüber dem Februar teilweise ab. Die höchsten Zahlen gibt es im März mit maximal 2860 Ind. (1988) und im April mit maximal 1300 Ind. (1991). Die Werte im April entsprechen ungefähr dem Brutbestand.
Bei der Kartierung 1990-92 waren 51 Rasterflächen besetzt. Das entspricht einer Zunahme von 30 % (p < 0.5). Der mittlere Bestand hat sich um über 50 % von 235 BP auf 367 BP vergrößert.

Abb. 2.66: Kolbenente - Vorkommen nach Brutzeitkartierungen 1980/81 und 1990-92
Verbreitungsschwerpunkte liegen am Untersee im Raum Radolfzell (vor allem Halbinsel Mettnau) und im Wollmatinger Ried. Daneben besteht seit längerem ein Brutvorkommen im Rheindelta (etwa 20 BP, V. Blum). Die übrigen Brutplätze, z.B. im Raum Mainau - Überlingen, Friedrichshafen, Lindau sowie am Schweizer Oberseeufer und am Untersee-Ende sind nur von jeweils wenigen Paaren besetzt. Die zwei höchstgelegenen, aber jeweils nur gelegentlich besetzten Brutplätze sind der Weiher bei Lengwil (505 m ü. d. M.) und der Weiher bei Langenrain/Konstanz (520 m ü. d. M.).
Tab. 2.12 Kolbenente - Erfolgreiche Bruten (Familien) 1981-1995
| Wollmatinger Ried | Raum Radolfzell | Übrige Seeteile | Mainau | Rheindelta | Kleingewässer | Summe | |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 1981 | 69 | 8 | 1 | 2 | 9 | 1 | 90 |
| 1982 | 15 | 12 | 7 | 1 | 4 | 3 | 42 |
| 1983 | 22 | 13 | 2 | 8 | 4 | 49 | |
| 1984 | 70 | 20 | 7 | 3 | 3 | 1 | 104 |
| 1985 | 52 | 33 | 6 | 7 | 1 | 99 | |
| 1986 | 34 | 20 | 2 | 8 | 64 | ||
| 1987 | 6 | 13 | 3 | 2 | 6 | 30 | |
| 1988 | 45 | 30 | 4 | 2 | 12 | 1 | 94 |
| 1989 | 15 | 61 | 3 | 1 | 8 | 1 | 89 |
| 1990 | 16 | 24 | 5 | 14 | 1 | 60 | |
| 1991 | 41 | 11 | 10 | 7 | 7 | 1 | 77 |
| 1992 | 80 | 27 | 8 | 3 | 18 | 2 | 138 |
| 1993 | 22 | 16 | 3 | 3 | 9 | 3 | 56 |
| 1994 | 55 | 20 | 5 | 2 | 22 | 4 | 108 |
| 1995 | 21 | 4 | 2 | 3 | 13 | 1 | 44 |
| 1996 | 14 | 18 | 3 | 1 | 14 | 3 | 53 |
| 1997 | 35 | 6 | 6 | 7 | 1 | 55 | |
| 1998 | 13 | 20 | 5 | 4 | 15 | 7 | 64 |
In Tab. 2.12 sind die erfolgreichen Bruten in den wichtigsten Gebieten aufgeführt. Da die Familien oft weite Strecken zurücklegen, sind die Brutorte im Raum Radolfzell (Mettnau, Radolfzeller Aachmündung und Seeufer bis Horn/Höri) zusammengefaßt.
Selbst in günstigen Jahren führt nur etwa ein Drittel der Weibchen Junge.
Der Bruterfolg (Tab. 2.12) hängt stark vom Wasserstand ab, da Gelege, die sich im Röhricht am See befinden, bei starkem bzw. schnellem Wasseranstieg oft überschwemmt werden. So war 1987 die Brutzeit verregnet, und der Wasserstand lag über fünf Wochen über der Hochwassermarke von 500 cm (Pegel Konstanz).
Der Bruterfolg am Mindelsee und einigen Kleingewässern ist allgemein schlecht, da die Jungen oft durch Hechte dezimiert werden.
Die durchschnittliche Jungenzahl lag von 1970-80 im Wollmatinger Ried bei 6.0, im Raum Radolfzell bei 5.4, im Rheindelta bei 5.1 und den übrigen Gebieten bei 6.1 Jungen pro Familie (Schuster et al. 1983). 1984 gab es im Wollmatinger Ried durchschnittlich 6.5 Junge pro Familie.
An Stellen mit einer hohen Konzentration an Bruten wie in den Teichen auf der Mettnau kommt es häufig zu Mischbruten, vor allem mit Reiher- und Tafelenten (siehe dazu Schuster et al. 1983).
Mit der Zunahme der Bruten (Populationsdruck) werden vermehrt auch ungewohnte Brutorte angenommen, so z.B. 1990 eine künstliche Insel der Festspiele Bregenz (A. Schönenberger) und ein Sportboot im Bojenfeld Radolfzell (S. Schuster). Der Bruterfolg scheint an solchen Plätzen aber gering zu sein. Drei Weibchen führten im Fährehafen Konstanz-Staad 1989 nur eines bzw. zweimal zwei Junge (M. Schneider-Jacoby).
Das Ansteigen der Bestände im Herbst seit Ende der 1980er Jahre und das auffallend starke Vorkommen im Januar von 1994-1998 ist sicher der Regeneration der Armleuchteralgen (Chara spec.) infolge der Verbesserung der Wasserqualität zu verdanken (Schmieder, Seite 58, Suter & Schifferli 1988). Dadurch wird die Art zum eigentlichen Wintergast, wie dies aus dem 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts belegt ist (Jacoby et al. 1970).
Eine Zunahme im Herbst und speziell im Januar hatte schon ab 1990 am Neuenburgersee eingesetzt (Géroudet 1990). Dort wurden Mitte Januar in der Periode 1991 bis 1996 zwischen 2839 und 5889 Ind. gezählt (Daten der Wasservogelzählungen Schweiz, Schweizerische Vogelwarte Sempach), während am Bodensee die Zunahme im Mittwinter erst ab 1994 registriert wurde. Auch auf anderen Schweizer Gewässern wie dem Thuner- und Vierwaldstättersee wurde ein Bestandsanstieg Mitte Januar verzeichnet, wenn auch in geringerem Maße (Abb. 2.65) (V. Keller, Schweiz. Vogelwarte, in Vorb.). Die Zunahme ist zur Hauptsache der Massenentwicklung von Chara in diesen Seen zu verdanken zum Teil verstärkt durch die Schaffung von Wasservogelreservaten, speziell am Neuenburgersee (Hauri 1995 und V. Keller, Schweiz. Vogelwarte Sempach, unveröffentlichte Daten).
Die Frage, wie weit die Zunahme der Kolbenente im Winter mit der gesamteuropäischen Bestandsentwicklung zusammenhängt, bleibt einer genauen Analyse vorbehalten.
Der Brutbestand der Kolbenente am Bodensee ist von internationaler Bedeutung. Etwa 5 % der südwesteuropäischen und etwa 50 % der mitteleuropäischen Population brüten hier. Für die Verbreitung in Mitteleuropa ist charakteristisch, daß nur wenige Zentren mit stabilen Populationen bestehen. Der Bodensee bietet ideale Voraussetzungen für die Kolbenente. Für die im Frühjahr bzw. schon im Spätwinter erscheinenden Vögel stehen große Flachwasserbereiche zur Verfügung. Durch Schutz und Gestaltungsmaßnahmen konnten die Brutplätze gesichert werden. Ungünstige Brutjahre in Teilgebieten werden durch die Vielzahl der Brutplätze ausgeglichen. Nur wenige Gebiete in Mitteleuropa sind groß genug, um einer stabilen Kolbenentenpopulation ausreichend Lebensraum zu bieten. Angesichts dieser Bedeutung müssen die Schutzmaßnahmen verstärkt weiterentwickelt werden. Dazu gehören die Ausweisung bzw. Sicherung von Schutzbereichen vor den potentiellen Brutplätzen sowie ein umfassender Schutz der Mauserbestände und der Herbst- und Winteransammlungen.
Martin Schneider-Jacoby