Kormoran

Phalacrocorax carbo

Status

Durchzügler und Wintergast aus der Nord- und Ostseepopulation, dessen Bestände am Bodensee seit 1976 um das Drei- bis Vierfache gestiegen sind. Gleichzeitig verschoben sich die Höchstwerte vom Januar auf den Spätherbst (Oktober - Dezember 1990-93 durchschnittlich 1250, maximal 1500 Kormorane am See). Ein- und Durchzug ab Ende Juli, Wegzug des Gros im Februar - März, in geringer Zahl (meist <20) übersommernd. Zwei Brutversuche im Rheindelta: 1987 auf den Seeschwalbeninseln Bau eines Bodenhorstes, der wie ein nachfolgendes Ersatznest überschwemmt wurde; 1988 wurde ein Baumhorst im Sanddelta errichtet, vor seiner Vollendung aber aufgrund gezielter Störung verlassen. 1997 erstmals eine erfolgreiche Brut und 1998 2 erfolgreiche Bruten am Untersee (S. Schuster, S. Werner).

Ergänzende Bemerkungen zum jahreszeitlichen Auftreten

Mit der starken Zunahme am Bodensee gingen dynamische Veränderungen sowohl in der Phänologie als auch in der Verteilung und Raumnutzung einher. Wie anderswo im Alpenvorland (Suter 1989a) verschob sich die für Überwinterer typische Glockenkurve mit Mittwintermaximum (Schuster et al. 1983) in eine linksgipflige Kurve mit einem (spät-) herbstlichen Durchzüglermaximum (Abb. 2.19). Die Tendenz zu früherem Erscheinen hält gegenwärtig noch an: Der Einzug beginnt nun in der zweiten Julihälfte, und seit 1987 sind Mitte September bereits 500 - 900 Kormorane am See (1961 - 1980 im Durchschnitt 18 Kormorane, Schuster et al. 1983). Seit 1986/87 lag der Höchstbestand bei den Wasservogelzählungen dreimal im Oktober, zweimal im November, zweimal im Dezember und einmal im Januar. Der Unterschied zwischen der Durchzugsspitze und dem Bestand im Januar - Februar ist am Bodensee aber geringer als an vielen Schweizer Seen (Suter 1989a). Abgesehen davon finden auch im Mittwinter laufend Zu- und Abwanderungen statt, und noch im April können größere Durchzüglertrupps das Gebiet queren.

Abb. 2.19: Kormoran - Jahreszeitliches Auftreten der Winterbestände nach Zählungen der WVZ von 1962/63-1995/96.

Abb. 2.20: Kormoran - Entwicklung der Winterbestände seit 1977 für a: Bodensee gesamt; b: Obersee; c: Untersee.

Die Entwicklung der Wintersumme seit 1976 läßt sich gut mit einem sigmoiden Verlauf beschreiben, dessen obere Grenze der Wintersumme von etwa 6500 Kormoranen entspricht (r2 =0,95: Abb. 2.20). Es ist demnach eine Stabilisierung des Bestands erkennbar. Allerdings schlagen auch hier die phänologischen Unterschiede durch: Der Mitt- und Spätwinterbestand hat sich bereits seit 1987 eingependelt, während sich die Zunahme der September-Dezember-Summe erst jüngst abzuflachen beginnt. Zudem muß nach Seeteilen differenziert werden: Die erwähnten Unterschiede werden zum größten Teil vom Obersee produziert (Abb. 2.20), während die Entwicklung der Wintersummen am Untersee für September-Dezember und Januar - März sehr viel ähnlicher verlaufen (Abb. 2.20).

Verbreitung und Raumnutzung

Aufgrund der sozialen Lebensweise des Kormorans, die durch die Bildung von gemeinsamen großen Schlafplätzen sowie davon unabhängigen Tagesruheplätzen und Nahrungsplatzflügen, die am Bodensee über 30 km weit führen können (Suter 1989a), sind genauere Aussagen zur Raumnutzung allein anhand der Wasservogelzählungen beinahe unmöglich. Spezielle Untersuchungen, darunter detaillierte Nahrungsanalysen, liegen aber nur für den Untersee und Hochrhein vor (W. Suter, unveröffentlichte Daten). Die Summe aller verfügbaren Daten zeigt jedoch eine ähnlich starke Dynamik wie bei der Bestandsentwicklung und Phänologie. Dienten als Schlafplätze lange Zeit vor allem die Seezeichenreihen im Ermatinger Becken und in geringem Umfang am Obersee (Jacoby et al. 1970; zur Entwicklung bis 1989 siehe Suter 1997), so werden heute vor allem Schlafplätze auf Bäumen genutzt, darunter zwei große an beiden See-Enden (Winter 1992/93-1993/94: Rheindelta 700 bis kurzfristig >1000 Ind., Stockacher Aachmündung bis 500 Ind.) und zwei kleine (Radolfzeller Aachried und an Schussen je 25 Ind.). Am Untersee übernachten noch gut 100 Ind. auf Seezeichen gegenüber maximal >400 Ind. um 1990 (damals neben Seezeichen vor allem auf Sandbänken). Die meisten Kormorane fliegen jetzt an die Stockacher Aachmündung, und seit 1994/95 bestand ein Schlafplatz auf der Werd bei Stein am Rhein (um 150 Ind.). Als Tagesruheplätze haben aber Seezeichen, Kies- und Sandinseln oder Buhnen ihre Bedeutung behalten. Generell steigt bei der Wasservogelzählung der Anteil des Untersees am Bodenseebestand vom September (seit 1989/90 <20 %) bis zum Januar-Februar auf 40 % an und sinkt bis zum April rapide auf <5 %, während für den österreichischen Seeteil das Umgekehrte gilt (im April halten sich dort seit 1990 im Durchschnitt etwa 80 % der Kormorane auf) und am übrigen Obersee werden von September bis März etwa 40 % erfaßt werden.

Genauere Kartierungen der Tauchplätze fehlen für den Obersee. Am Untersee wird vor allem die flachere Nordhälfte befischt, während der tiefere Rheinsee nur geringe Bedeutung besitzt. Seit 1982 fliegen Trupps in wechselnder Größe (um 1987 - 1990 maximal 390) zur Nahrungssuche auf den Hochrhein flußabwärts bis Büsingen, zunächst vor allem im Spätwinter, in jüngster Zeit hauptsächlich vor Jahresende (Suter 1995b). Auch am Obersee sind Ausflüge an benachbarte Gewässer seit ungefähr 10 Jahren die Regel (Alpenrhein und Binnenkanal bis ins Fürstentum Liechtenstein, Kleinseen im Walgau, Neuweiher bei Überlingen etc., am Untersee zudem in die Radolfzeller Aach).

Herkunft

Der Großteil der farbberingten Vögel stammt heute aus Dänemark (Abb. 2.21). Dort werden zwar im Vergleich zu anderen Ländern überproportional viele Nestlinge beringt, doch sind Vögel aus den Niederlanden am Bodensee signifikant schwächer vertreten als am weiter westlich gelegenen Genfer See (Reymond & Zuchuat 1991, 1995). Einzelnachweise betreffen norddeutsche und schwedische Ringvögel (Seitz 1988a).

Abb. 2.21: Herkunft beringter Kormorane (n = 281 Ind.) nach Ringablesungen durch E. Seitz von 1982-1995 am Bodensee (Rheindelta und Lindau).

Unter den dänischen Ringvögeln befinden sich einige Ablesungen der Rheindelta - Beringergruppe (A. Stierli) sowie einige Ringfunde mitgeteilt von der Vogelwarte Radolfzell und brieflich von Jens Gregersen (Vorsö, Horsens, Dänemark) aus der dänischen Beringungszentrale.

Analyse der Veränderungen

Angesichts der enormen Bestandsdynamik des Kormorans in Europa ist es schwierig, lokale (ökologisch bedingte) gegen überregionale (populationsdynamische oder verhaltensbiologische) Prozesse abzugrenzen. Die Zunahme der Kormoranbestände am Bodensee ist zunächst weitgehend eine Folge des entsprechenden Anwachsens der Brutbestände. Die gegenwärtige Stabilisierung hängt hingegen eher mit den lokalen Verhältnissen zusammen (Suter 1995a). Im Vergleich zur Entwicklung an manchen Schweizer Seen war zudem die Zunahme am Bodensee schwächer, und die Kormorandichte ist relativ gering. Dies läßt sich möglicherweise mit dem weitgehenden Fehlen der Rotaugen* Rutilus rutilus* seit etwa 1980 in Verbindung bringen, da diese Fischart die Hauptnahrung des Kormorans darstellt und auf die Kormorandichte bestimmend wirkt (Suter 1997). Am Untersee ist verglichen mit dem Obersee in der zweiten Winterhälfte offenbar eine bessere Nahrungsbasis vorhanden, zumal die Möglichkeit besteht, auch den Rhein zu befischen (Suter 1995b). Darauf dürften die Unterschiede in der zeitlichen Entwicklung der Wintersummen beruhen. Wie weit die Verlagerungen der Schlafplätze und die Konzentration auf das Rheindelta im April störungsbedingt sind, ist schwierig zu beurteilen.

Vorschläge zum Artenschutz

Aufgrund tatsächlicher und vor allem vermeintlicher Konkurrenz zur Fischerei ist der Kormoran gegenwärtig diejenige Vogelart am Bodensee, die in der Öffentlichkeit am meisten diskutiert wird. Tatsächliche Fischereischäden entstehen, wo Kormorane aus den Netzen der Berufsfischerei Fische entnehmen oder Fische und Netze beschädigen. Das Problem existiert am Untersee und lokal am Obersee, ist aber abgesehen von Einzelereignissen nie längerfristig quantifiziert und in seiner Bedeutung erfaßt worden. Die Befürchtungen und Behauptungen betreffen vorwiegend die Reduktion des Fischbestands und damit eine mögliche Ertragsminderung für Berufsfischer und Angler. Am See spricht die Größe des Eingriffs der Kormorane im Vergleich zu den Fischereierträgen gegen solche Effekte (Suter 1991a), am Hochrhein hat sich ein negativer Einfluß des Kormorans auf die Äschen-Erträge oder -Bestände wissenschaftlich nicht zeigen lassen. Die Ertragsschwankungen und Veränderungen in der Alterszusammensetzung waren eine Folge der zeitlichen Entwicklung enorm unterschiedlicher Jahrgangsstärken (Suter 1991a, 1995b). Andere entsprechende "Fallbeispiele" wurden nie wissenschaftlich untersucht. Die Verfolgung des Kormorans am Bodensee ist sachlich unbegründet und beruht auf politischen Rücksichtnahmen. Die Maßnahmen gegen den Kormoran im Wasser- und Zugvogelreservat von internationaler Bedeutung am Hochrhein zwischen Untersee-Ende und Bibermühle, im Rheindelta sowie im Ermatinger Becken führen vor allem zu Störungen anderer Arten und stehen damit im Widerspruch zum Schutzziel der Reservate. Ökologisch sinnvoller Artenschutz beim Kormoran heißt lediglich "nichts tun".

Werner Suter