Der Grosse Brachvogel als zunehmender Wintergast im Bodenseegebiet

Grosse Brachvögel am Schlafplatz bei -12°C und Bise, 04.02.2012, Frasnacht TG (Foto S. Trösch)
Grosse Brachvögel am Schlafplatz bei -12°C und Bise, 04.02.2012, Frasnacht TG (Foto S. Trösch)
Grosser Brachvogel, Winterbestände am Bodensee 1961-2011 (Grafik S. Trösch)
Grosser Brachvogel, Winterbestände am Bodensee 1961-2011 (Grafik S. Trösch)

Ergebnisse der simultanen Schlafplatzzählungen in den Wintern 1999-2002 und Beobachtungen zum Verhalten

In den Winterhalbjahren 1999-2002 erfassten mehr als dreißig Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Bodensee in ehrenamtlicher Feldarbeit die Schlafplatzbestände des Großen Brachvogels am Bodensee. Mit einer simultanen Zählmethode ging es im Wesentlichen darum, die Brachvogelbestände zu erfassen und das Verhalten der überwinternden Brachvögel zu beobachten. Der wöchentliche Zählrhythmus jeweils zwischen Ende November und Ende März führte zu genauen Zahlen der Brachvögel im Winter mit Beständen, die im Winter 1999/2000 bei durchschnittlich 900 Individuen lagen, im Winter 2000/2001 bei 1100 und im darauffolgenden Winter bei rund 750 Individuen.
Sowohl der Gesamtbestand als auch das Verhalten sind abhängig von der Strenge des Winters und von der Höhe des Wasserstandes im Bodensee. Am nachhaltigsten steuern längere Frostphasen und hohe Schneelagen die räumliche Verteilung der Brachvögel am Bodensee, wobei das westliche Seegebiet in der Regel im Vergleich zum östlich gelegenen Rheindelta durch die geringeren Niederschlagsmengen bessere Voraussetzungen für eine dauerhafte Überwinterung besitzt.
Im Ermatinger Becken überwintern alljährlich zwischen 170 und 200 Große Brachvögel. Sie finden im Flachwasser vor dem Wollmatinger Ried einen idealen Nahrungsplatz. Sofern die Vögel den Tag hier verbringen, führt der an gleicher Stelle liegende Schlafplatz zu einer optimalen Energiebilanz. Bei Vereisung oder überflutetem Flachwasser, d. h. ab Pegelmarke 320 cm, weichen die Brachvögel regelmäßig auf Wiesen am westlichen Untersee bei Moos aus und kehren abends wieder ins Ermatinger Becken zum Schlafen zurück. Am Obersee ist die gleiche Dynamik zu beobachten, indem die hauptsächlich im Rheindelta überwinternden Brachvögel mit dem Raum Egnach in Wechselbeziehung stehen. Hohe Schneelagen im Rheindelta bewirken ein sprunghaftes Ansteigen der Tagesbestände in Egnach, wo die Brachvögel auf Wiesen und in alten Hochstammobstanlagen günstige Nahrungsverhältnisse vorfinden. Zudem liegt in der nahen Luxburger Bucht bei Frasnacht der Schlafplatz, der durch seine exponierte Lage nach dessen Bezug oftmals wieder geräumt wird und die Brachvögel ins Rheindelta abfliegen. Im Raum Egnach-Frasnacht halten sich jeden Winter 300-500 Brachvögel auf, ausnahmsweise kommt es am Schlafplatz zu Ansammlungen von über 700 und 900 Vögeln wie im Januar 2000.
Auf der gegenüberliegenden Seeseite im Eriskircher Ried befindet sich ein weiterer Ausweichplatz der Rheindelta-Brachvögel. Auf dem Tagesplatz innerhalb des Flugplatzes Friedrichshafen halten sich unregelmäßig bis zu 100 Brachvögel auf, die sich dann vor dem Abflug ins 19 km entfernt liegende Rheindelta im Flachwasser vor dem Eriskircher Ried nochmals sammeln. Übernachtungen sind in diesem Gebiet eher die Ausnahme.
Parallel mit der Klimaerwärmung haben die Winterbestände beim Großen Brachvogel in den letzten dreißig Jahren kontinuierlich zugenommen. Sie unterstreichen die Bedeutung des Bodensees als größten und wichtigsten Überwinterungsplatz im mitteleuropäischen Binnenland mit einer Entwicklung, die es in Zukunft weiter zu verfolgen gilt.

 

Bei Fragen zum Projekt wenden Sie sich bitte an den Koordinator:

Stephan Trösch, Baumschulstrasse 8, CH-8200 Schaffhausen
Tel: +41 (0)79 684 76 88; E-Mail: troesch.stephan@bluewin.ch